Im silbernen Stadt unter der Kuppel ist die Nacht über die gesamte Stadt gehüllt in einen mysteriösen silbernen Schleier. Die bekanntesten Merkmale der Silberstadt sind die hoch aufragenden Türme, die wie fallende Sterne erscheinen. Nachts reflektiert die Kuppel schwaches Licht, als ob jeder Turm das Auge der Galaxie wäre. Aiven und Tyress laufen heftig in ihren prächtigen Hofkleidern durch diese traumhafte Silberstadt.
Aivens Absätze klopfen gelegentlich auf dem Steinboden und als er aufblickt, sieht er Tyress, deren silberne Rockasche wie fließendes Mondlicht im Wind weht. Sie blickt zurück, und in ihren tiefblauen Augen verbirgt sich ein komplexes Gefühl: Wachsamkeit, Angst, vermischt mit einer Spur von Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit.
„Komm schon, Aiven!“ Tyress drängt leise, ihre Stimme von dem Druck der Familienfehde durchzogen. „Sie kommen schon näher.“
Aiven kann nicht anders, als sich umzudrehen. In der Ferne sieht er schwache Schatten huschen, die Silhouetten der silbernen Rüstungen verschwimmen zwischen den Türmen, während die Speere in der Mondnacht blitzen, wie grässliche Geister aus einem Albtraum. Er atmet schwer und nickt: „Wo ist die Abkürzung, von der du sprichst? Ich erkenne die Türme, aber diese Stadt ist zu kompliziert.“
Tyress deutet mit ihrem Kinn nach vorne, wo eine kunstvoll gestaltete Eisentür halb offen steht. Das trübe Licht im Hintergrund beleuchtet komplexe Reliefs und scheint sowohl Einladung als auch Warnung zu sein. „Durch diese Tür, folge dem Flur des alten Rates, das letzte Zimmer könnte in den Geheimgang führen.“
Aiven runzelt die Stirn. Er versteht, dass diese Flucht schwierig ist. Die Verantwortung der Kolto-Familie ist groß; sie müssen das wichtigste Geheimnis ihrer Familie bewahren. Tyress ist die Tochter der Eivis-Familie. Ihre Freundschaft sollte einst als der beste Anfang für eine politische Heiratsallianz angesehen werden, wurde jedoch durch den Machtkampf zum Opfer der Familienfehde.
„Weiß nur du von dem Geheimgang?“ fragt Aiven, während er Tyress den Vortritt lässt.
„Nicht nur ich, auch der Chefbedienstete des Westturms, der stellvertretende Kommandant der Silberwache und meine Mutter wissen davon – aber sie werden nicht hierher kommen, es ist ein Fluchtweg.“ Tyress antwortet leise, während sie in ihrem Ärmel fest eine silberne lange Schlüssel mit sich führt, die der Schlüssel zum Geheimgang ist.
Plötzlich weht ein kalter Wind von draußen durch den Turm. In der Ferne ertönt ein Schreien eines Bediensteten: „Schnell! Sie sind zum Westturm gelaufen, Lord Rainer hat befohlen, lebend zurückzubringen!“ Die Stimme ist ohrenbetäubend und lässt einem das Blut gefrieren.
Aiven ergreift Tyress' Hand und spürt, wie sich Schweiß in ihrer Handfläche bildet, während sie zittert. Aiven drückt ihren Handrücken und flüstert: „Ich habe dir versprochen, dich zu beschützen. Bis jetzt hat sich nichts geändert.“
Tyress zuckt leicht zusammen und blickt Aiven an. Leise sagt sie: „Wir dürfen nicht zusammen gefasst werden, sonst ist alles vorbei. Wenn es notwendig ist, musst du zuerst gehen.“
Dieser Satz trifft Aiven wie ein kalter Windstoß, und er schüttelt den Kopf: „Wir müssen gemeinsam entkommen!“
Die beiden schieben leise die metallene Tür auf und betreten den Flur des alten Rates. Der Flur ist schmal und lang, an den Seiten mit Säulen verziert, die die Familienwappen zeigen. Am Ende des Flurs flackert das Licht einer silbernen Lampe. Die Schritte und das Atemgeräusch hallen in der kalten Luft wider.
Aiven lauscht aufmerksam auf die Geräusche hinter ihnen; sie dürfen nicht anhalten. Tyress bleibt plötzlich stehen, beugt sich und untersucht einen Lichtständer an der Wand. Mit einem leisen Knarren gleitet die Wand zu ihrer Überraschung auf. Die Geheimnisse und Mechanismen der Silberstadt sind in diesem labyrinthartigen Gebäude versteckt.
„Rein!“ Tyress fordert leise und kriecht zuerst in den Geheimgang. Aiven folgt dicht hinter her. Die Wand schließt sich lautlos hinter ihnen.
Im engen Geheimgang ist es kalt und feucht, das schwache Licht der eingebetteten Edelsteine in ihren Kleidern beleuchtet den Weg, während sie sich bemühen, kein Geräusch zu machen. Sie bewegen sich gemäß dem nostalgischen Kompassmuster – dem Design des Bodenfliesen unten. Tyress vergleicht mit ihrem Absatz den Fliesenbelag und stellt sicher, dass sie nicht in die falsche Richtung gehen. „Nach dreißig Schritten erreichen wir die erste Geheimtür.“ murmelt Tyress leise.
Aiven zählt still die Schritte. In seinem Kopf blitzen die Gesichter der Familienältesten auf – die Kolto-Familie hat jahrzehntelang gegen die Eivis-Familie um die tatsächliche Macht in der Silberstadt gekämpft. Die früheren Freundschaften und Allianzen sind zerbrechlich wie der Traum von letzter Nacht. Jetzt ist die einzige Person, auf die er zählen kann, dieses Mädchen vor ihm und das verbliebene Glauben in seinem Herzen.
Die Atemzüge werden hastiger, im Geheimgang sind schwache Schritte und metallische Geräusche zu hören. Aiven sieht panisch zu Tyress. Tyress zieht aus ihrem Ärmel den silbernen Schlüssel und klopft dreimal sanft auf eine Steinplatte, die nahezu mit der Wand verwoben ist, und schiebt ihn leise in die Öffnung. Mit einem leisen Knacken öffnet sich die Steinplatte leicht und ein schmaler Spalt erscheint.
„Schnell!“ Tyress flüstert, während Aiven ihr hilft, die Steinplatte zu halten und selbst als Erster hindurch schlüpft. Die Steinplatte beginnt langsam sich wieder zu schließen und trennt die beiden von den Verfolgern. In der Ferne hört man das Flüstern und das Staunen der Silberwachen.
Der Geheimgang ist kurvenreich und mit Spinnweben und uralten Steinmetzarbeiten übersät. Aiven hebt die silberne Lampe in seiner Hand, um den Weg zu beleuchten. Das Licht beleuchtet ein beschädigtes Relief, das die Szene der Gründung der Silberstadt zeigt, wo Könige, Herren und mythische Bestien Schulter an Schulter stehen. Während er weitergeht, fragt Aiven leise Tyress: „Wohin führt dieser Geheimgang schließlich?“
„In die tiefste Unterirdische Kapelle, um das Wachtmal der Silberstadt herum gibt es Dokumente und verbotene Artefakte der Familie.“ Tyress erklärt nervös, „Es wird gesagt, dass derjenige, der den Schlüssel zum Wachtmal besitzt, die Zukunft der Silberstadt verändern kann.“
Aiven bleibt überrascht stehen: „Die Zukunft verändern? Ist diese Legende wahr?“
Tyress lacht schwach, bemüht sich, vage zu antworten: „Ich weiß nur, dass am Ende des Geheimgangs das Familienschatz verborgen liegt, um den die zwei Familien lange gestritten haben, bis es zu diesem Zustand kam.“
Während sie sprechen, gelangen sie vor eine alte Holztür, deren Schnitzereien von der Zeit abgerieben sind, sodass nur noch schwach das Familienwappen zu erkennen ist. Gerade als Tyress dabei ist, die Tür mit dem silbernen Schlüssel zu öffnen, ertönt plötzlich ein schwaches Geräusch von innen. Aiven ruft sofort: „Ist da jemand drin?“
Niemand antwortet, nur ein leises Stöhnen ist zu hören. Unsicher, ob hinter der Tür Feinde oder Freunde warten, hält Aiven die silberne Lampe fest und zieht Tyress’ Hand, um ihr zu signalisieren, vorsichtig zu sein.
Tyress atmet tief ein und öffnet die Holztür. Das Licht strömt herein und offenbart eine alte Frau, die neben einem Pfeiler liegt, mit Blut an den Lippen und schwach atmend. Aiven eilt sofort zu ihr und hilft der Frau auf: „Geht es Ihnen gut? Wer sind Sie?“
Die Frau sieht schwach zu ihnen auf: „Ich bin... die Hüterin des alten Rates. Seid ihr die Kinder der Eivis- und Kolto-Familien?“
Tyress ist verblüfft: „Hüterin Abeyche... sind Sie es? Mein Vater dachte, Sie hätten die Silberstadt bereits verlassen.“
Abeyche lächelt leicht: „Ich kann nicht gehen, denn der Schlüssel zum Wachtmal ist hier bei mir.“ Sie zittert und nimmt einen Kupferring von ihrem Hals, an dem ein glasklarer silberner Schlüssel hängt, mit feinen Schnitzereien, die die einzigartigen Muster der Silberstadt zeigen. „Wollt ihr in die Halle der Stelen?“
Aiven nickt und spricht ernst: „Die Fehde zwischen beiden Familien ist außer Kontrolle geraten. Wir wollen nicht, dass Unschuldige leiden, und hoffen, auf friedliche Weise das Schicksal zu ändern. Was sollen wir tun?“
Abeyche schaut ihn einen Moment an, als würde sie über seine Aufrichtigkeit nachdenken. Schließlich übergibt sie den silbernen Schlüssel in Tyress‘ Hand und sagt schwach, aber bestimmt: „Die Zukunft der Silberstadt liegt in eurer Wahl. In der Halle der Stelen gibt es drei Auswahlsteine, und jeder darf nur einen wählen – denkt daran, dass wahre Macht nie in der Aneignung liegt, sondern im Teilen.“
Tyress und Aiven nehmen dankbar den silbernen Schlüssel entgegen und unterstützen Abeyche. Unter der Anleitung der alten Hüterin schleppen sie ihre erschöpften Körper in die tiefste Ecke. Die große Tür zur Halle der Stelen öffnet sich sanft mit dem silbernen Schlüssel, die schweren Scharniere drehen sich langsam und das dichte, ehrfurchtgebietende Gefühl erfüllt den Raum.
Die Halle der Stelen ist hoch, der zentrale Stein zeigt ein riesiges Monument mit Mustern, die wie eine stürzende Galaxie erscheinen. Vor dem Monument sind drei Kristalle eingebettet: tiefrot, dunkelblau und weich silber. Unter dem Monument befindet sich ein schimmernder Pool, dessen Wasser phosphoreszierende Reflexionen zeigt, als ob die Kuppel der Silberstadt in der Halle neu entsteht.
Die beiden nähern sich dem Monument und sehen sich an. Aiven erinnert sich an Abeyches Warnung: „Wählen und lernen, zu teilen.“
Tyress legt ihre Hand auf den dunkelblauen Kristall, streichelt sanft und tritt dann einen Schritt zurück. Aiven hingegen entscheidet sich, den tiefroten Kristall zu ergreifen, der warm wie ein schlagendes Herz ist. Ihre Wahl bringt die Luft in der Halle der Stelen zum Vibrieren; die alten Schriftzeichen auf dem Monument erscheinen langsam, silbernes Licht strömt wie Wasser und erleuchtet die beiden.
Plötzlich erstrahlt am Horizont der Kuppel der Silberstadt ein blendend heller Lichtstrahl, ein silberner Faden zieht sich vom Nachthimmel zur Halle der Stelen, und die gesamte Stadt scheint durch einen gewissen Willen erweckt zu werden. Über der Halle erscheint ein lebendumfassendes Relief, in dem silbernes und dunkelblaues Licht verwobenen, als ob die Geschichte der beiden Familien, Kolto und Eivis, die sich gegenseitig drängen und aufeinander angewiesen sind, zum Leben erweckt wird.
Eine laute Stimme ertönt von dem Monument: „Möge der Wähler mit Güte und Versprechen verbündet sein, um ein neues Kapitel in der Silberstadt zu schreiben.“ Als die Stimme verklingt, kehren die tiefrote und dunkelblaue Kristalle jeweils mit dem Licht zum Monument zurück. Der weiche silberne Kristall fällt automatisch vor ihnen zu Boden.
Tyress senkt den Kopf und flüstert zu Aiven: „Wir entscheiden gemeinsam, ohne zu kämpfen, ohne zu spalten, und werden die Veränderungen in der Silberstadt gemeinsam zeugen.“
Aiven nickt still und sein Blick strahlt Entschlossenheit aus. „Die Zukunft gehört denjenigen, die teilen wollen, und wir werden mit dieser Kraft Frieden in die Silberstadt bringen.“
In diesem Moment sind wieder Schritte und laute Stimmen zu hören; die Silberwachen sind bereits durch die Tür gebrochen. Aiven und Tyress werfen sich einen Blick zu und legen gemeinsam den weichen silbernen Kristall in die Mitte des Wassers. Plötzlich bricht ein Ring aus strahlendem Silberlicht über die Halle herein und erschüttert die angreifenden Silberwachen und Bediensteten. Sie sind für einen Moment überrascht und halten abrupt inne.
Vor den Augen aller erhebt sich Abeyche langsam von neben dem Monument, ihre Stimme hat eine unwiderstehliche Autorität: „Bürger der Silberstadt! Der Streit zwischen den beiden Familien muss hier enden; das Monument wählt den Erben, und die Zukunft muss aus Versöhnung und gemeinsamer Herrschaft beginnen!“
Die Silberwachen sehen sich gegenseitig an und niemand wagt es, anzugreifen. Aiven und Tyress, beleuchtet vom Licht des Monument, halten einander fest an den Händen. Ihr Vertrauen zueinander hat längst die Familientrennung überwunden. Die Muster auf dem Monument sind nicht länger nur ein einzelnes Familienzeichen, sondern ein neues Totem, das das harmonische Zusammenleben von zwei Familien symbolisiert.
In der folgenden Zeit beginnt der Sturm in der Silberstadt allmählich zu verebben. Aiven und Tyress patrouillierten Schulter an Schulter durch die Straßen, reparierten die beschädigten Familienhallen und führten die jugendlichen Mitglieder ihrer Familien in gemeinsamen Entscheidungen. Die Bürger der Silberstadt beginnen zu sehen, wie die Jugendlichen beider Familien ihre Rivalität ablegen und zusammenarbeiten. Diese Absicht erfasst auch andere Älteste und Bedienstete. In den Straßen und Gassen wird über Pläne zur gemeinsamen Herrschaft diskutiert – Vereinbarungen über die Teilung der Verwaltung der Türme und den schrittweisen Wiederaufbau der Stadtinfrastruktur.
Tyress sitzt oft auf dem Balkon des Silberturms und schaut auf die Silberstadt. „Früher war die Silberstadt in den Händen einer einzigen Familie, was zu häufigen internen Konflikten führte. Jetzt diskutieren wir gemeinsam, treffen Entscheidungen zusammen. Glaubst du nicht, dass diese Zukunft... zu idealistisch ist, Xiao Ai?“
Aiven, als er ihre Frage hört, schaut nachdenklich auf die in der Ferne flimmernden Lichter unter der silbernen Kuppel: „Niemand kann garantieren, dass die Zukunft reibungslos verläuft. Aber wenn wir nicht einmal Hoffnung haben, wird die Silberstadt auch zu grauem Stein ohne Licht.“
Die beiden lächeln sich an, ihre Augen leuchten vor neuem Leben. Aiven hält Tyress’ Hand fest. In seiner Stimme liegt Entschlossenheit: „Wir werden Schritt für Schritt diese Veränderung bewahren und nicht zulassen, dass die Silberstadt erneut im Dunkeln versinkt. Auch wenn der Weg voller Herausforderungen ist, werden wir der Familie die Schönheit des Teilens und Vertrauens zeigen.“
Die silberne Nacht ist wie Wasser, und unter der silbernen Kuppel gehen Aiven und Tyress gemeinsam die Treppen in die Zukunft hinunter. Die Türme und Silberlichter flimmern in der Ferne und erleuchten den Weg für die mutigen Träumer. Sie wissen genau, dass echter Frieden nicht aus im Kampf besteht, sondern aus der Wahl der gegenseitigen Akzeptanz, um die Kraft zu nutzen, jede Ecke der Silberstadt zu erleuchten. Der Sternenfluss leuchtet klar, und das Kapitel der Silberstadt wird von ihnen gemeinsam geschrieben und erschafft einen neuen Morgen.
