Die Dämmerung zieht sich zusammen, ein Strahl von Gold gleitet leise von den letzten hellen Farben des Himmels. Die Lichter der Stadt leuchten auf, ihr schwaches Licht spiegelt sich in den kleinen Wasserpfützen auf den blauen Steinplatten und taucht die tiefen Gassen des alten China in einen Hauch von zartem Blau. Der Duft von Essen weht durch die Steinbögen, die Rufe der Händler hallen weiter, und gelegentlich schlendert eine Katze gemächlich vorbei, während der Abendwind den warmen Geruch von gedämpften Brötchen mit sich trägt.
Su Xuan versteckt sich ruhig im Schatten einer verwitterten Steinbrücke und hält das in seinen Händen fest umklammerte, aus Knochen gefertigte Jadestück. Dieses Jadetstück ist das einzige, was ihm seine verstorbene Mutter hinterlassen hat, und es ist der Mut, den er in seiner Einsamkeit festhalten kann. Unter der Brücke plätschert ein feiner Strom, und in der Ferne kann man den fröhlichen Gesang eines Händlers hören, aber sein Herz schlägt wie ein Trommelschlag.
Nicht weit entfernt unter dem Torbogen scheint die Nacht durch einen Strahl tiefschwarzer Dunkelheit noch dichter zu werden. Yan Ling erscheint leise. Er trägt einen bodenlangen schwarzen Umhang, der die gesamte Straße in einen geheimnisvollen Nebel hüllt. Der Wind bewegt die Ecken seines Gewandes, aber es strahlt keine Lebendigkeit aus. Unter dem Umhang sind seine Augen lang und kalt, wie ein stiller, toter See, der die Ängste der Menschen widerspiegelt.
Su Xuan wollte sich umdrehen und fliehen, aber seine Füße scheinen wie verwurzelt, er kann sich nicht bewegen. Er hatte nie große Angst vor Geistern, doch in diesem Moment spürt er einen unbeschreiblichen Frost in seinen Knochen. Er weiß genau, dass Yan Ling nicht dieser Welt angehört; in Legenden wird gesagt, er sei der Gott des Todes, der zwischen den Welten wandelt, kalt wie die Sterne.
Yan Lings Stimme ist nicht laut und hat keinen Druck, aber jedes Wort ist fest und unmissverständlich. Er tritt langsam aus dem Schatten hervor, mit einer Kälte, die die Nacht durchdringt: „Su Xuan, weißt du, dass du in dieser Nacht mit mir verbunden bist?“
Su Xuans Hand umklammert das Jadetstück fester. Hinter dem Licht der Lampen versteht er, dass sein Leben von dieser geheimnisvollen Kraft gemessen wird. Er hebt den Kopf und schaut Yan Ling an, versucht, seine Wirbelsäule gerade zu halten. Seine Stimme zittert, aber er weigert sich, schwach zu erscheinen: „Ich bin nur ein gewöhnlicher Junge. Warum sucht der Gott des Todes nach mir?“
Yan Ling bleibt am Ende der Steinbrücke stehen, der schwarze Umhang weht, als ob er ein bewegliches Stück der tiefen Nacht wäre. „Jeder Mensch wird irgendwann mit mir zusammentreffen, nur der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. Manche Menschen, deren Wege gehen sollten, werden durch Menschenhand aufgehalten. Su Xuan, hast du in dieser Nacht darüber nachgedacht, wie viel Zeit dir noch bleibt?“
Su Xuan ist sprachlos. Nach dem Tod seiner Mutter hat er in der Kleinstadt allein gelebt und viele haben angedeutet, sein „Schicksal sei erfüllt“, aber er hat entschieden, dies zu ignorieren und in seinem tristen Leben nach Hoffnung zu suchen. Doch jetzt fühlt er deutlich, dass das Schicksal wie ein Käfig ist und er eine unvermeidliche Verbindung zu diesem Gott des Todes hat.
Er schüttelt den Kopf und beißt sich auf die Lippen: „Ich glaube nicht an Schicksal. Ich habe noch unerfüllte Wünsche und viele Dinge, die ich nicht verstehe. Wenn du der Gott des Todes bist, warum kommst du dann heute Nacht zu mir?“
Yan Ling schaut diesen Jungen an, und das Gesicht unter dem Umhang scheint mit einem sanften Licht überzogen zu sein. Es ist ein Ausdruck, der hohe Kühle mit Mitleid verbindet. Er murmelt: „Schicksal und Vorurteil sind oft schwer zu unterscheiden. Wenn du die Antwort wissen willst, musst du deinen Mut beweisen. Wagst du es, mit mir den vergessenen Fluss zu überqueren, um um dein Leben zu kämpfen?“
Die Straßenlichter flackern, und in der Ferne lachen Kinder und tragen Laternen. Su Xuan erinnert sich an die Worte seiner Mutter: „Die Welt wechselt sich, nur Mut und Güte können Not in Wohlstand verwandeln.“ Er atmet tief ein, wischt die verschwommene Träne aus den Augenwinkeln und sagt mit erhobenem Haupt: „Ich bin bereit. Wenn ich beweisen kann, dass mein Leben nicht vergeblich war, wirst du mir dann die Freiheit zurückgeben?“
Yan Ling nickt leicht und spricht sanft drei Worte: „Folge mir.“
Die beiden gehen den geschwungenen Weg der Steinbrücke entlang. Su Xuan folgt dem Gott des Todes und tritt in den Dampf, der aus den Fugen der schwachen Ziegelböden aufsteigt, während in ihm ein Sturm aus Traurigkeit und Freude tobt - Traurigkeit ist das Unterdrücken von vergangenem Leid; Freude ist die Beständigkeit, die sich weigert, dem Schicksal zu erliegen. Es gibt noch Hoffnung, alles ist noch nicht zu Ende.
Die Straßen werden stiller, selbst Katzen und Hunde hören auf zu bellen. Yan Ling bleibt vor der Tür eines alten Hauses stehen, dessen Türgestell mit rot lackierten Fledermaus-Mustern verziert und schon verwittert und farblos ist. Yan Ling dringt ein, und Su Xuan folgt ihm dicht. Im Haus ist das Licht dunkel, in der Mitte des Hofes steht ein runder Tisch, auf dem Pinsel, Tinte, Papier und ein Schälchen mit klarem Wasser stehen, dessen Boden schwache blutrote Spuren aufweist.
Yan Ling dreht sich zu Su Xuan um und sagt ruhig: „Der Faden des Lebens liegt in deiner Besessenheit. Du hast Wünsche, also schreibe sie auf. Hier sind drei Prüfungen des Herzens; wenn du aufrichtig und mutig bist, hast du die Chance, dein Schicksal zu ändern.“
Su Xuan greift erneut nach dem Jadetstück und geht langsam zum Tisch. In dem Moment, in dem er den Pinsel hebt, zittert seine Hand leicht. Der Pinsel taucht in die Tinte ein, und er schreibt langsam seinen ersten Wunsch: „Einen Abschied von meiner Mutter.“ Die Schrift ist zwar hastig, trägt aber die unterdrückten Tränen. Nachdem er fertig ist, flackert die Kerze auf dem Tisch heftig, und ein leichter Wind scheint von draußen hereinzuströmen.
Yan Ling schaut ihn ungerührt an und legt ein kaltes Jadestück an den Rand des Schälchens. Er erinnert ihn leise: „Die erste Probe: Suche den Traum im Schatten.“
Im Raum tanzen die Schatten, plötzlich bewegt sich die Tinte an der Wand und verwandelt sich in einen tiefen Weg. Su Xuan fühlt sich, als würde er plötzlich hineingezogen. Gras streift über seine nackten Knöchel, in der Ferne verschwommen steigt der Dampf auf und das Silhouetten eines Bergdorfes wird allmählich klarer. Er sieht das Bild seiner Mutter, die gebückt den Grasweg hinaufgeht und sanft seinen Kinderrucksack streichelt. Su Xuan hat einen Kloß im Hals und kann nicht anders, als laut zu rufen: „Mama -“
Doch seine Mutter blickt in die Ferne zurück, kann ihn aber nicht sehen. Su Xuan rennt vorwärts; mit jedem Schritt bricht der Boden unter ihm auf, bis er am Rand einer tiefen Furche steht und das verwirrte Gesicht seiner Mutter sieht, das von schwarzem Nebel getrennt ist. Mit all seiner Kraft schreit er: „Mama, ich bin immer hier, ich habe dich nicht verlassen! Bitte verzeih mir, ich bin noch nicht bereit, mich von dir zu verabschieden!“
In diesem Moment zittert der Himmel und die Erde ein wenig. Su Xuan reibt sich die roten Augen und sieht, wie sich das Bild seiner Mutter ihm langsam nähert. Sie sagt leise in die Dunkelheit: „Xuan’er, was ich mir am meisten Sorgen mache, ist nicht der Tod, sondern ob du deinen eigenen Weg mit Gelassenheit gehen kannst. Es gibt Unterschiede zwischen Yin und Yang, lass dich nicht von der Trauer um mich ein Leben lang quälen.“
Su Xuan weint bitterlich und nickt ernsthaft mit Tränen im Gesicht: „Mama, ich werde gut leben! Ich werde in dieser Welt meinen eigenen Namen finden, damit du dich sorgen kannst und auch beruhigt sein kannst.“
Ein sanftes Geräusch ertönt, die Illusion zerfällt, und Su Xuan findet sich wieder vor dem runden Tisch, Schweißperlen auf seiner Stirn. Er blickt zu Yan Ling auf, und in seinem Gesicht schimmert ein Hauch von Entschlossenheit und Gelassenheit.
Yan Ling hat seine Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Lippen scheinen schwach zu lächeln: „Nur wenn du dich dem Schmerz stellst, verlierst du nicht dein wahres Selbst. Die nächste Prüfung: Tritt in den Traum des Spiegels ein.“
Das Wasser im Schälchen beginnt zu fließen, Su Xuan schaut aufmerksam, die Wasseroberfläche spiegelt eine lange Straße wider, die genau dem alten Markt in der Kleinstadt entspricht. In diesen Bildern sieht Su Xuan sich alleine in dem geschäftigen Markt, konfrontiert von Bosheit und Geringschätzung, und er wählt es, seinen Kopf zu senken und zu fliehen. Die Blicke scheinen sein Unglück und seine Armut auszulachen, seine Schultern zittern und die Selbstvorwürfe hallen in seinem Kopf: „Werde ich so mein ganzes Leben lang meinen Kopf senken?“
Su Xuan atmet tief ein, langsam hebt er den Kopf und spricht leise zu seinem ängstlichen Spiegelbild: „Einst zögerte ich, aber ich habe auch den Mut, dem Schmerz ins Auge zu sehen. Solange ich nicht aufgebe, ist jeder Morgen ein neuer Anfang.“
Das Bild von Su Xuan hebt endlich den Kopf und begegnet jedem kalten Blick und jedem Druck. Das Geschwätz des Marktes schmelzen zu einer fernen warmen Sonne, und er sieht das Kind von früher, das am Straßenrand ein vergessenes Buch aufhebt, das Leiden als Stärkung, die Tränen als Antrieb nutzt.
Su Xuans Stimmung wird plötzlich klar und heiter. Plötzlich wird ihm bewusst, dass wahre Courage nicht darin besteht, die Angst zu beseitigen, sondern trotz der Angst weiterhin zu wählen, kontinuierlich voranzuschreiten. Er blickt auf den runden Tisch und legt das Jadetstück sanft neben das Wasser: „Ich habe verstanden, dass weder Armut noch Leiden mich erdrücken werden. Der Weg ist beschwerlich, aber ich werde entschlossen weitermachen.“
Yan Ling nickt anerkennend: „Wenn Güte und Mut Hand in Hand gehen, fürchtet man sich nicht vor den Launen des Schicksals. Die letzte Prüfung: Leuchte in die Tiefe.“
Plötzlich ertönt ein leises Schluchzen hinter der Wand, wie das alte Glockenläuten, und die Luft um Su Xuan wird schwer. Er steht vor einer Pfütze schwarzen Wassers, das tief und still wie die Nacht ist, die Oberfläche deutet Schatten an - die, die ihm freundlich gesonnen waren, sowie die, die ihn früher verspottet und verletzt haben.
Su Xuan starrt auf das schwarze Wasser und fühlt, wie sich in ihm etwas zusammenbraut. Yan Ling sagt leise neben ihm: „Das Herz der Menschen ist schwer zu durchschauen. Bist du bereit, freundlich mit all dem Vergangenen umzugehen? Antworte nicht mit bösen Gedanken auf Böses, ergebe dich nicht in Hass und Angst?“
Su Xuan sieht die Gesichter von Nachbarn, die ihn einst gepresst haben, und Komplizen, die ihn verspottet haben; in seinem Inneren steigt schmerzliche Wut auf. Doch das Lächeln seiner Mutter schimmert wieder in seinem Kopf. Su Xuan tritt näher an das Wasser und fragt sich im Halbdunkel: „Diese Verletzungen und Prüfungen sind die Entwicklung, die mir das Schicksal gegeben hat. Wäre es nicht für sie, hätte ich nicht die Stärke, die ich jetzt habe.“
Er schließt die Augen sanft und spricht mit aufrichtigem und tiefem Ton: „Ich lasse den Hass los und danke ihnen, dass sie mir beigebracht haben, zu verzeihen, und ich danke mir selbst, dass ich die Kraft aus dem Leiden schöpfen kann. Ich werde mit Güte und Mut auf die gesamte Vergangenheit zugehen und keine bösen Gedanken mein gutes Herz trüben lassen.“
Als ob eine Welle des Lichtes um ihn herum plätschert, streichelt eine warme Brise sanft über sein Ohr, und die Schatten in der Umgebung beginnen zu verschwinden, während das schwarze Wasser im Schälchen allmählich klar wird.
Yan Ling tritt näher, ein Hauch von sanftem Lächeln auf seinem Gesicht, in seinen Augen scheint ein wenig menschliche Wärme zu schimmern. Er spricht leise und langsam: „Su Xuan, du hast mit deinem wahren Herzen dich selbst erleuchtet und mit deinem guten Herzen die Vergangenheit verziehen. Diese drei Prüfungen hast du alle mit Gelassenheit bestanden. Das Schicksal hat niemals keinen Ausweg; manchmal sind Schwierigkeiten nur ein Teil der Wahl.“
Su Xuan fühlt sich erleichtert, die gerade erfahrene Traurigkeit und Zögerlichkeit sind wie Wolken, die sich verziehen. Er fragt leise: „Werde ich also wirklich mein Schicksal ändern und meine Zukunft neu wählen können?“
Yan Ling hebt die Hand und zeigt auf den Himmel, der allmählich heller wird, während seine Stimme warm und autoritär klingt: „Das Schicksal wird vom Herzen geboren, der Weg liegt unter deinen Füßen. Wenn du wählst, voranzuschreiten, bist du nicht mehr der kleine hilflose Junge von früher. Von jetzt an bist du Su Xuan und wirst deinem Namen das Licht verleihen.“
Die Nacht ist vorüber, der Morgen bricht an. Su Xuan geht langsam aus dem alten Haus, und auf der Straße strahlt das Morgenlicht, die Händler packen die frisch gebackenen Brötchen ein, und in der Ferne verfolgen Kinder einander am Ende der Gasse. Er geht voran, das Jadetstück in der Hand strahlt mit neuem, sanften Licht, sein Herz ist voller Hoffnung auf ein neues Leben.
Auf der anderen Seite der Steinbrücke steht Yan Ling in seinem schwarzen Umhang ruhig und schaut dem sich immer mehr entfernten Su Xuan nach. Der Nachtwind streicht über seine Schultern, und der schwarze Umhang verwandelt sich im Morgenlicht in einen sanften Schatten. Leise flüstert er: „Wenn man fest durch die rauen Nächte geht, wird man schließlich das Morgenlicht umarmen. Möge dein Leben, junger Mann, friedlich sein.“
Su Xuan blickt nicht mehr zurück, sondern setzt mit einem festen Schritt im Morgenlicht seinen Weg fort. Der Schatten der Straße schwindet leise, und seine Geschichte hat gerade erst begonnen.
